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Neue Schwerpunkte in der Leseförderung an der Realschule

Aktuelle Studien zeigen ein teils erschreckendes Bild der Lesefähigkeit am Ende der Grundschulzeit

Besonders die letzte IGLU-Studie der OECD zeigt einen hohen Bedarf an Leseförderung auch nach der Grundschule auf. Als zentrales Element für lebenslanges Lernen ist das mit der Lesefähigkeit verbundene Textverständnis oft ein ausschlaggebender Faktor für den Erfolg und Misserfolg in Schule und Beruf. Deshalb war die Leseförderung auch schon oft auf der Agenda der Bildungspolitik, doch kamen zentrale Forschungsbefunde, die wiederholt in verschiedenen Ländern und Kulturkreisen in ihrer Wirksamkeit bestätigt wurden, noch nicht in ausreichendem Maße in den Schulen an.

Unser Foto zeigt Frau RSDin Ursula Stegbauer Hötzl, die sich von ihrem Zweiten Konrektor Dr. Matthias Böhm die Funktion eines Blickbewegungsmessgeräts erklären lässt

Unser Foto zeigt Frau RSDin Ursula Stegbauer Hötzl, die sich von ihrem Zweiten Konrektor Dr. Matthias Böhm die Funktion eines Blickbewegungsmessgeräts erklären lässt

Nicht immer hilft „viel lesen“ auch viel

Bisher wurden meist Maßnahmen zur Förderung der Lesemotivation, wie z.B. Lesekisten oder Besuche der örtlichen Bibliothek in den Mittelpunkt schulischer Bemühungen gestellt, die bei mittleren und guten Lesern durchaus weitere Verbesserungen zeigten. Dadurch war man der Meinung, dass das oberste Ziel sein muss, die Kinder zum „möglichst viel“-Lesen zu bringen. Doch hilft das gerade den Kindern am wenigsten, die es am meisten nötig hätten: Kinder, die zuhause kein leseförderliches Umfeld und schlechtere Grundfertigkeiten in diesem Bereich haben. Trotz der schulischen Bemühungen ist es dann durchaus möglich, dass statt erhöhter Motivation eher Frustration auftritt und in der Freizeit kaum mehr ein Buch in die Hand genommen wird. Da diese Schülerinnen und Schüler erhöhten Bedarf an der Schulung grundlegender Fähigkeiten haben, wird für sie das Lesen im Klassenverband oder auch im Rahmen von Projekten oft zur Qual und die Voraussetzungen für entspanntes und genussvolles Lesen als Freizeitbeschäftigung sind schlicht nicht gegeben. Dadurch erreicht man diese Kinder mit den an den Schulen am weitesten verbreiteten Maßnahmen nicht mit der nötigen Nachhaltigkeit.

Schwerpunkt im Bereich der Diagnose

Um den beschriebenen Defiziten an grundlegenden Fertigkeiten auf die Spur zu kommen, braucht es eine genauere Diagnose. Während bisher nur die auffälligsten Kinder den Weg in eine Untersuchung z.B. auf das Vorliegen einer Legasthenie fanden und die restlichen Schülerinnen und Schüler eher durch die Eindrücke der Lehrkräfte im Unterricht in ihrer Lesefähigkeit beurteilt wurden, möchte die Realschule Freyung gerade in diesem Bereich eine lückenlose, evidenzbasierte Diagnose ermöglichen.
So sollen am Beginn des neuen Schuljahres alle Fünftklässler völlig ohne Notendruck in ihrer Lesefähigkeit in den Dimensionen Leseflüssigkeit, Lesefehlerhaftigkeit und Textverständnis beurteilt werden. Außerdem wird das Hörverstehen, ähnlich wie bereits im Fach Englisch, genauer analysiert.

Genaueres Hinsehen bei Problemen

Nach der Auswertung schließt sich bei Kindern, die offensichtlich Probleme haben, eine genauere Ursachenanalyse an, auf welche dann ein individuell passendes Förderprogramm für den Schüler oder die Schülerin folgt. Im Realschulbereich liegen dabei oft die Probleme auf der Ebene des Wortlesens, das nun an der Realschule Freyung durch die Erfahrungen des Zweiten Konrektors, Dr. Matthias Böhm im Forschungsbereich detaillierter analysiert werden kann.

Blickbewegungsmessungen beim Lesen als Analysenhilfe

Im so genannten Eye-Tracking-Verfahren liest ein Kind einen Text von einem Bildschirm laut ab und es wird dabei aufgezeichnet, wohin das Kind beim Lesen sieht. Das Verfahren schränkt das Kind beim Lesen nicht ein und ermöglicht durch Analysen von Verweilzeiten bei speziellen Schlüsselwörtern, Rücksprüngen des Blicks und dem Abstand zwischen Blickpunkt und gesprochenem Wort wertvolle Einsichten in die jeweiligen Problemursachen und hilft so beim Erstellen von individuellen Förderplänen.

Flexiblere Unterrichtsformen als Fördergrundlage

Ist dann der Förderplan erstellt, kann im Unterricht und auch zuhause damit gearbeitet werden. Da es sich aber um ein Programm handelt, das seiner Zielsetzung nach auf die Heterogenität der Klassen und Förderbedarfe vermehrt reagiert, ist zusätzliches Lehrpersonal nötig, das durch schulorganisatorische Maßnahmen zur Verfügung gestellt werden kann. So wird im neuen Schuljahr jeweils eine Deutschstunde der fünften Klassen zeitgleich stattfinden und eine zusätzliche Lehrkraft widmet sich in dieser Stunde der individuellen Förderung. Auch ist es dann möglich, über die Klassengrenzen hinweg, Gruppen unterschiedlicher Niveaustufen zur Förderung zu bilden.

Überprüfung der Wirksamkeit der Maßnahmen ein Muss

Ein weiterer Kritikpunkt an bisher üblichen Programmen ist, dass diese zu oft nicht in ihrer tatsächlichen Wirksamkeit überprüft wurden. So hat man zwar als Lehrkraft sehr wohl einen Eindruck, ob sich das Lesen bei einem bestimmten Schüler durch eine Maßnahme wie z.B. das Einführen einer Bücherkiste verbessert hat, kann dies aber nicht immer durch Zahlen belegen oder den Eltern weitere Empfehlungen begründet geben. Aus diesem Grund möchte die Realschule Freyung den zu Beginn des Schuljahres durchgeführten Test nach einem halben Jahr der individuellen Förderzeit wiederholen und die jeweils getroffenen Maßnahmen nachjustieren, falls diese nicht den intendierten Erfolg zeigen.

Andere Schulen zeigen Interesse

Um die Wirksamkeit des Programms zu steigern, wäre es von großem Vorteil, wenn die Tests zur Lesefähigkeit in gleicher Form an mehreren Schulen stattfinden würden. Dadurch könnten die Lehrkräfte ihre Schülerinnen und Schüler nicht nur mit der eigenen Klasse und einer Eichstichprobe, sondern auch mit einem für die Region typischen Leistungsbild vergleichen. Erste Gespräche mit Schulen der Umgebung zeigten bereits, dass über Schulartgrenzen hinweg Interesse an einer Durchführung des Programms besteht. Aus diesem Grund freut sich die Realschule Freyung auf die weitere Zusammenarbeit mit den interessierten Schulen zum Wohle der Lesefähigkeit der Schülerinnen und Schülern der Region.

Dr. Matthias Böhm

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